Wirte Mafia

Über die Frage, wer Wiesn-Wirt sein darf, gab es schon öfter Streit. In diesem Jahr aber hat der eine neue Dimension erreicht: Alexander Egger möchte mit einer Klage erreichen, dass die Zeltplätze europaweit ausgeschrieben werden.

Das Oktoberfest ist weltberühmt, es ist eines der prägendsten Wahrzeichen der Stadt. Dass Ihr juristischer Vorstoß viel aufwirbeln würde, muss Ihnen doch klar gewesen sein.

Wir haben gewusst, dass es nicht spurlos bleiben wird. Viele, die schon lange auf dem Oktoberfest sind, haben Angst vor Veränderung. Das leuchtet mir ein. Aber das Oktoberfest findet auf der Theresienwiese statt, auf öffentlichem Grund, der den Münchnerinnen und Münchnern gehört. Die Stadt sollte diesen Grund bestmöglich für alle verwalten. Sie sollte der neutrale Schiedsrichter auf diesem Spielfeld sein.

Aus Ihrer Sicht ist sie das nicht?

Aus meiner Sicht ist es eher so wie vor Kurzem bei der Fußball-WM in den USA, wo der Fifa-Präsident einen Anruf des US-Präsidenten bekam, eine strittige Entscheidung doch bitte noch mal zu überprüfen – was dann ja auch geschah. Ich möchte ein transparentes und faires Vergabeverfahren, in dem jeder Bewerber sich für jedes Zelt bewerben kann und hinterher klar nachzuvollziehen ist, wer warum den Zuschlag erhalten hat. Um das zu erreichen, kämpfen wir darum, dass die Plätze nach klaren Kriterien europaweit ausgeschrieben werden, wie das bei vielen städtischen Aufträgen der Fall ist. Bei den Kita-Essen zum Beispiel. Da ist doch klar: Wir wollen das Beste für unsere Kinder. Da käme niemand auf eine andere Idee.

Warum haben Sie den Kampf jetzt begonnen? Die „Münchner Stubn“ gibt es seit 2022. Seitdem haben Sie, um in dem Fußball-Bild zu bleiben, doch munter auf dem Feld mitgespielt?

Es war ein langer Weg über viele Jahre, der zu der Klage geführt hat. Und dessen Ursprung liegt weit zurück. Um das Jahr 2010 herum habe ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Bewerbung für das Oktoberfest beschäftigt. Ich habe vorher in anderen Branchen gearbeitet, für März Fashion, Siemens, Allianz, AutoScout24. Über meine Frau bin ich dann in die Hotellerie und Gastronomie gekommen und so entstand die Idee, sich für einen Platz auf dem Oktoberfest zu bewerben. Damals war es sehr schwierig, überhaupt Informationen zu bekommen, nach welchen Kriterien die Punkte vergeben werden, um eine Wiesn-Zulassung zu bekommen. Sie bewerben sich mit einem Konzept, und damals erhielten Sie dann nur eine Zu- oder eine Absage. Um eine Idee dafür zu bekommen, was überhaupt erfolgreich sein könnte, haben wir in manchen Jahren zehn bis zwölf Bewerbungen geschrieben. Wir wollten das System und die Elastizität der Punktevergabe verstehen.

Die Kriterien für die Oktoberfest-Bewertungen wurden vom Stadtrat 1980 beschlossen, seit gut zehn Jahren sind sie genauer benannt. Es gibt 13 Kriterien, die bepunktet werden: 1. Vertragserfüllung, 2. Volksfesterfahrung, 3. Sachkenntnis, 4. Durchführung, 5. Stammbeschicker, 6. Ausstattung, 7. Technischer Standard, 8. Anziehungskraft, 9. Tradition, 10. Platzbedarf, 11. Ortsansässigkeit, 12. Alleineigentum, 13. Ökologie. Die Stadt sagt: Das ist transparent und nachvollziehbar.

Das finde ich nicht. In diesem Jahr ist uns zum ersten Mal mit dem Zulassungsschreiben mitgeteilt worden, wie viele Punkte wir mit einer Bewerbung erreicht haben und wie viele Punkte derjenige erreicht hat, der als letzter in der Sparte zugelassen wurde. Damit weiß man jetzt, wie viele Punkte einem gefehlt haben. Was man aber nicht weiß: Wie viele Punkte habe ich in welcher Kategorie bekommen? Wie viele haben andere dort bekommen? Was hätte ich tun müssen, um in einer Kategorie mehr Punkte zu erhalten? Das ist alles andere als transparent und nachvollziehbar.

Alles andere als transparent und nachvollziehbar heißt intransparent und womöglich willkürlich. Haben Sie ein Beispiel, das diese Behauptung stützt?

Das Volkssängerzelt „Schützenlisl“ auf der Oidn Wiesn geht in diesem Jahr an ein neues Wirte-Trio. Wir hatten uns für diesen Platz auch beworben. Unser Eilantrag beim Verwaltungsgericht gegen die Vergabe wurde zwar abgelehnt, aber in dem Verfahren haben wir gelernt, dass man bei der Ökologie zum Beispiel punkten kann, wenn man für das Vorgängerzelt CO₂-Zertifikate kauft.

Das bedeutet?

Sie kompensieren die Umweltbelastung, die ein anderer durch sein Gewinnstreben verursacht hat und werden dafür belohnt. Sie zahlen allerdings, bevor Sie formal wissen, ob Sie selbst überhaupt zum Zug kommen. Welcher rational handelnde Unternehmer sollte das machen, ohne vorher eine mündliche Zusage bekommen zu haben?

Haben Sie noch mehr Beispiele, die derlei Fragen aufwerfen?

Ja. Beim Essen haben wir gelernt, dass es möglich ist, sein Angebot als bio einstufen zu lassen, auch wenn man noch nie als Wirt auf der Wiesn war, also noch nie vorgeführt hat, dass man entsprechende Lieferanten hat. Für eine gute Bepunktung reicht die Angabe, dass man vorhat, sein Essen als bio zertifizieren zu lassen. Ein anderer Punkt betrifft die Eigentumskategorie. Da bin ich davon ausgegangen: Wenn mir das Zelt gehört, das ich auf der Wiesn aufbauen will, erhalte ich die Maximalpunktzahl. Inzwischen weiß ich, dass es die Maximalpunkte im Kriterium Eigentum nur gibt, wenn das Zelt schon einmal auf der Wiesn stand – auch wenn es zu der Zeit einem anderen gehört hat. Bei der Punktevergabe haben wir eine hohe Spannbreite in den Interpretationsmöglichkeiten der Bewertungskriterien gesehen. Bei unseren vielen Bewerbungen, die über die Jahre zusammengekommen sind, haben wir immer wieder Widersprüche festgestellt, die uns keiner erklären konnte oder wollte. Oder das Beispiel der Anziehungskraft? Kann so etwas objektiv bewertet werden?

Trotzdem waren Sie seit 2022 dabei. Warum jetzt erst die Klage?

Dass 2022 die Tür für uns aufging, war ein Stück weit Zufall: Das war nach Corona. Die Nachfrage war nicht besonders hoch. Viele waren finanziell belastet. So kamen wir rein. Als wir drin waren, haben wir aber gemerkt: So leicht ist es gar nicht, mit einem kleinen Zelt wirtschaftlich arbeiten zu können, auch wenn es modern ist. Es war nach Corona: Die Menschen wollten im Biergarten sitzen. Gegen die großen Zelte haben Sie da kaum eine Chance, vor allem mittags. Wir haben uns deshalb einiges einfallen lassen: eine Mittags-Wiesn, bei der es zu einem Essen zwei Mass zum Preis von einer gab. Oder das komplett bargeldlose Zahlen, weil das für uns einfach sinnvoll und zeitgemäß war. Aber irgendwann mussten wir erkennen: Die großen Zelte haben schlicht einen Wettbewerbsvorteil. Dort sind die Margen deutlich besser. Wenn wir uns entwickeln wollen, was immer mein Anspruch als Unternehmer ist, dann müssen wir uns um ein großes Zelt bemühen.

Auf dem Oktoberfest gibt es 14 große Zelte. Sieben gehören den großen Münchner Brauereien, zwei Schützenvereinigungen; diese Zelte gelten quasi als gesetzt und der Stadt wird der Wirt vorschlagen. Fünf große Zelte werden gemäß dem Punktekatalog direkt an Wirte vergeben, die Bewerbungen abgeben. Wirte-Wechsel gibt es immer mal wieder. Wäre das Warten auf eine günstige Gelegenheit nicht die bessere Strategie gewesen, um an ein großes Zelt zu kommen?

Im Prinzip sehe ich das sportlich. Ich habe kein Problem damit, auch mal Zweiter zu werden – wenn klar ist, wie das Rennen gelaufen ist und wie der Rückstand zustande gekommen ist. Aus anderen Geschäftsfeldern kenne ich das auch: Da gibt es klare Spielregeln, was erlaubt ist, was nicht. Compliance ist ein Thema, das ich immer sehr ernst genommen habe. Das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns – daran glaube ich. Ich habe lange nach einem Formular gesucht, mit dem man sich um ein Brauereizelt bewerben kann. Es gibt einfach keines. Das kann doch nicht sein!

Auch ohne Formular haben Sie sich um eines beworben . . . 

. . . und wurde abgelehnt.

Mit der Begründung, Sie seien ja schließlich keine Brauerei. War das nicht logisch?

Nur wenn man akzeptiert, dass Brauereizelte gesetzt sind. Aber welche Begründung gibt es dafür denn bitte?

Tradition.

Tradition? 1810, im allerersten Jahr, wurde auf der Wiesn Wein ausgeschenkt, weil der zu dem Pferderennen spendiert wurde, das zur Hochzeit von Prinzregent Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen ausgerichtet wurde. Später durften alle Münchner Bierbrauer auf der Festwiese ihre Produkte anbieten. Für das Festhalten am Status quo gibt es meiner Meinung nach keine überzeugende historische Herleitung. Und eine wirtschaftliche auch nicht. Wenn Sie ein Produkt besser machen wollen, brauchen Sie einen fair organisierten Wettbewerb, Konkurrenz, Innovationsdruck. Ich greife noch mal das Fußball-Bild auf: Wenn Sie es neuen Spielern schwer machen, aufs Feld zu kommen, sind die, die dort stehen, irgendwann hundert Jahre alt – und sie gewinnen kein Spiel mehr.

Tradition ist zu einem Kampfbegriff in der öffentlichen Debatte um das Thema geworden. Welchen Traditionsbegriff haben Sie?

Ich bin ein Münchner Kindl. Von klein auf war ich regelmäßig auf dem Oktoberfest. Nach dem Abi habe ich den großen Wiesn-Schein gemacht: An 16 von 16 Tagen war ich da auf dem Oktoberfest. Ich weiß, worum es dort geht und was man nicht angreifen sollte – dass es ein echtes Volksfest ist. Das Schreckensszenario, das jetzt gezeichnet wird, dass mit einer klaren Ausschreibung alles anders wird, ist einfach Quatsch. An Paulaner und Hacker-Pschorr ist der niederländische Braukonzern Heineken mit 30 Prozent beteiligt. Weil das über der Sperrminorität liegt, haben die dort quasi das Sagen. Spaten-Franziskaner und Löwenbräu gehören vollständig dem belgischen Brauereikonzern Anheuser-Busch InBev. Die Internationalität gibt es in Wahrheit also längst. Die gezielt geschürte Angst vor Kölsch und Guinness auf der Wiesn ist völliger Humbug. Tradition bedeutet für mich: Bewährtes zum einen zu erhalten, dieses aber verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.

Warum ist die Angst vor Kölsch und Guinness aus Ihrer Sicht unbegründet?

Weil die Stadt auch bei einer öffentlichen Ausschreibung vorgeben könnte, welches Bier verkauft werden darf. Weil sie Dutzende Einflussmöglichkeiten hat, um zu verhindern, dass Hendl und Haxn von Döner und Dürüm verdrängt werden. Dass ich eine Gefahr für die Wiesn sein könnte: Das ist Propaganda. Und es erschreckt mich, wie viel darüber geredet wird und wie wenig über die nachweisbaren positiven Effekte, die auftreten, wenn Wettbewerb entsteht: Konkurrenz belebt das Geschäft, das Angebot wird attraktiver.

Das Oktoberfest ist mit vielen Emotionen verbunden. Durch Ihre Klageandrohung kam die Furcht auf, dass es in diesem Jahr womöglich nicht wie gewohnt stattfinden kann. Wäre es nicht klüger gewesen, das Vergabeverfahren im nächsten Turnus anzugreifen?

Wir wollten und wollen wirklich keinem Gast den Oktoberfest-Spaß verderben. Wir hatten mehrere Bewerbungen abgegeben. Die für die „Münchner Stubn“ war erfolgreich, die Bewerbungen für ein großes Zelt und die Oide Wiesn nicht. Als wir die Mitteilungen bekommen haben, haben wir gesagt: Das kommt uns komisch vor. Wir haben die Stadt daher gebeten, sich das noch einmal anzuschauen und uns zu erklären. Zurück kam ein Schriftsatz, mit dem unser Anliegen zurückgewiesen wurde. Ab da lief eine vergaberechtliche Frist. Wenn wir bis zu dieser nicht die Vergabekammer der Regierung von Oberbayern angerufen hätten, hätten wir das Ergebnis faktisch akzeptiert. Die Stadt hat uns in diese Klage hineingetrieben.

Selbst wenn Sie gewinnen: Ein großes Zelt auf der Wiesn haben Sie dann immer noch nicht.

Aber ich hätte eine höhere Wahrscheinlichkeit eines bekommen zu können. Aktuell gehen meine Chancen asymptotisch gegen null, weil ich keinen Großvater habe, der da draußen schon ausgeschenkt hat. Wenn wir ein Verfahren haben, in dem es nach Leistung geht, dann spielen wir in einem Pool mit vielen anderen und die realistische Chance ist deutlich höher.

Sie haben mehrfach durchklingen lassen, von der Stadt München enttäuscht zu sein. Was werfen Sie den Verantwortlichen konkret vor?

Man hat nie das Gespräch gesucht. Ich habe nicht den Eindruck, dass es dort eine Offenheit gibt. Gerne hätte ich gemeinsamen den Diskurs geführt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich keiner Diskussion verwehre. Meine Haltung ist, dass Wettbewerb und Visionen etwas Positives sind. Diese Einstellung erlebe ich bei der Stadt nicht. Und ich frage mich: Warum nicht? Was ist so schlimm an der Vorstellung, den vielen fleißigen Wirten, die in der Stadt und um diese herum jeden Tag zehntausende Gäste glücklich machen, eine faire Chance zu gewähren? Einige wenige könnten dabei etwas verlieren, ganz viele aber viel gewinnen. Und für alle wäre der Gewinn eines transparenten Prozesses. Ich fände es gut, wenn der neue Oberbürgermeister Dominik Krause von den Grünen erkennt, was da eigentlich für eine Chance liegt.

Ist Ihr Timing nicht denkbar ungünstig? Solange die Wiesn gut läuft, besteht kaum Druck für Veränderung.

Aber läuft die Wiesn wirklich so gut? Was ich erlebe: Die Schausteller stehen nicht mehr Schlange, weil sich das Fest von einem Flanierfest zu einem reinen Konsumerlebnis wandelt. Früher sind Sie über die Festwiese spaziert, haben hier etwas genascht, sind dort in ein Fahrgeschäft geklettert, dann haben Sie sich eine Brotzeit gekauft und in einem Zelt ein Bier getrunken. Danach gab es an einem Stand einen Schnaps. Heute bekommen Sie in den großen Zelten alles. Das ist ein All-inclusive-Angebot, das wie ein Magnet wirkt und allen anderen viel wegsaugt.

Aber die Überfüllungsproblematik im vergangenen Jahr?

War ein Resultat genau dieser Entwicklung: Konsum in Zeitslots. Als ihre Zeit vorbei war, drängten viele Menschen aus den großen Zelten hinaus, wo die warteten, die hineinwollten. Deshalb ging genau dort dann nichts mehr, während auf weiten Teilen des Festgeländes viel Platz zum Flanieren gewesen wäre. Es gäbe viel, was sich verbessern ließe. Basis dafür wäre aber eine Offenheit, darüber zu sprechen. (SZ gekürzt)

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