SZ (27.04.)

„Greta ist ein offenes Buch“, sagt der Vater. „Sie kann nicht lügen.“ Dass moralisch vorbildlich handelnde Menschen anderen Leuten innerhalb einer Gruppe schwer auf die Nerven gehen und oft mehr Hass als Bewunderung auf sich ziehen, ist ein von Forschern viel dokumentiertes Phänomen: Sie führen den anderen die eigenen Makel und Versäumnisse vor. Mit Greta Thunberg, die nach Davos 65 Stunden mit dem Zug fährt, dort im Schnee zeltet, sich vegan ernährt und keine neuen Kleider kauft, werden nur die wenigsten mithalten können. Aber das verlangt nicht einmal sie selbst. „Ich tue das, weil ich mir sonst nicht mehr in die Augen sehen könnte“, sagt sie. „Viel wichtiger als unser individuelles Verhalten ist, dass die Politik sich ändert. Dass die Politiker nicht nur schöne Worte reden, sondern endlich auch handeln. Bislang tun sie das nicht. Nirgends.“

Greta Thunberg und all die anderen Schüler fordern nichts anderes als die Einhaltung eines Versprechens, das die Politiker der Welt längst gegeben haben. Sie verlangen, dass am Ende die Klimaerwärmung 1,5 Grad nicht übersteigt, pochen auf das Pariser Klimaabkommen, das 196 Staaten unterschrieben haben, um dessen Umsetzung sich aber fast alle drücken. „Alles was ich sage ist: Hört endlich den Wissenschaftlern zu!“, sagt Greta Thunberg. „Haben Sie gehört, was ich gerade gesagt habe?“, fragte sie die Parlamentarier in Westminster mitten in ihrer Rede. „Ist mein Englisch ok? Ist das Mikrofon an?“ Sie schaute in den Raum, ohne ein Lächeln. „Weil ich anfange, mich zu wundern.“

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